TL;DR — Kurzfassung: “Säkular” leitet sich vom lateinischen saeculum (Jahrhundert, Epoche) ab und bezeichnet das Weltliche, Zeitliche, Nichtreligiöse. Säkularismus ist die Lehre, die individuelle Glaubensfreiheit schützt und zugleich die öffentliche Sphäre unabhängig von religiöser Autorität hält. Seine moderne Form nahm in der Aufklärung des 18. Jahrhunderts Gestalt an; der englische Denker George Jacob Holyoake prägte den Begriff “secularism” 1851. Die Säkularisierung reicht als soziologischer Prozess von Max Webers These der “Entzauberung der Welt” bis zu Charles Taylors A Secular Age (2007). In der Türkei wurde der gesetzliche Rahmen seit 1928 um den Laizismus aufgebaut, im Alltag sind säkulare und religiöse Praktiken jedoch eng verflochten.
Um zu verstehen, was “säkular” bedeutet, muss man auf die Wortgeschichte blicken. Das deutsche “säkular” stammt vom lateinischen serere (säen, pflanzen). Aus dieser Wurzel wurde saeculum gebildet — hervorbringen, eine Generation zeugen. Aus saeculum wiederum entstand saecularis, “etwas, das einmal in einem Jahrhundert geschieht.”
Im Deutschen und in den meisten europäischen Sprachen trägt “säkular” sowohl jenen älteren Sinn — langlebig, ein Jahrhundert lang — als auch eine geläufigere moderne Bedeutung: zeitlich, vergänglich, weltlich. Im alltäglichen Gebrauch überwiegt der weltliche Sinn. Kurz: säkular heißt nicht-religiös, diesseitig, im Gegensatz zum Jenseitigen. Das türkische Sprachinstitut (TDK) definiert Säkularismus als “die Lehre, die individuelle Teilhabe wertschätzt und die Trennung sowie Autonomie der Religion vom Staat verteidigt.”
Das Wort hielt im Türkischen nach den Tanzimat-Reformen Einzug; eine breite intellektuelle Verwendung setzte erst nach den 1950er Jahren ein, insbesondere als die Religionssoziologie Eingang in die Universitätslehrpläne fand. Heute bezeichnet es im Alltag den “modernen, nicht-frommen, weltlich orientierten Einzelnen”; in der akademischen Literatur bleibt es jedoch ein vielschichtiges Konzept.
Was ist Säkularisierung?
Säkularisierung ist jener Prozess, in dem sich sakrale Bedeutung — in persönlichem Glauben, institutioneller Praxis und Politik — dem Wissenschaftlichen unterordnet. Sie lässt sich auch als Differenzierung des Sakralen vom Säkularen und als Verwissenschaftlichung des sozialen Lebens beschreiben. Die klassische Säkularisierungsthese benennt drei gleichzeitige Prozesse: Rückzug der Religion aus der öffentlichen Sphäre (Privatisierung), Rückgang religiöser Praxis (Niedergang) und die Entwicklung eigenständiger Funktionslogiken für gesellschaftliche Bereiche jenseits der Religion (Differenzierung).
Der bekannteste Architekt dieser These ist Max Weber. Sein Begriff Entzauberung der Welt verdichtet die Vorhersage, dass mit der Modernisierung rational-wissenschaftliche Erklärungen die mystischen und religiösen ablösen würden. Parallel argumentierte Émile Durkheim, die Industrialisierung werde traditionelle Gemeinschaftsbande auflösen und das kollektive Bewusstsein säkularisieren.
Seit den 1990er Jahren ist diese klassische These jedoch heftig hinterfragt worden. José Casanovas Public Religions in the Modern World (1994) zeigte, dass sich die Religion keineswegs vollständig aus der öffentlichen Sphäre zurückzieht, sondern in vielen Ländern “zurückkehrt”. Charles Taylor las die Säkularität in A Secular Age (2007) entlang dreier Achsen: Rückzug der Religion aus der öffentlichen Sphäre, Rückgang religiösen Glaubens und schließlich der Zustand, in dem “Glaube als eine Option unter vielen wahrgenommen wird”. Jürgen Habermas rückt seit 2001 den Begriff der “postsäkularen Gesellschaft” in den Vordergrund — moderne Gesellschaften müssten lernen, säkulare und religiöse Praktiken zusammen zu tragen.
Wann entstand der Säkularismus?
Nun da wir wissen, was “säkular” bedeutet, sehen wir uns die Entstehung an. Der Säkularismus entstand mit der kulturellen Bewegung des 18. Jahrhunderts, die wir Aufklärung nennen. In einer Epoche, in der Individualismus in den Vordergrund rückte, wurden Gedanken-, Glaubens- und Religionsfreiheit in die individuellen Rechte aufgenommen.
Die Säkularisierung ruht auf dem Verhältnis von Religion und Moderne. Die These geht davon aus, dass die Welt nun so durch und durch modern ist, dass Religion nicht mehr die Bedeutung und Wirkung haben kann, die sie einst hatte.
Der englische Reformdenker George Jacob Holyoake benutzte 1851 erstmals das Wort “Säkularismus” als Konzept. Damit meinte Holyoake keine atheistische oder religionsfeindliche Haltung, sondern die Forderung, dass Staat und Bildungssystem unabhängig von religiöser Dogmatik arbeiten sollten. Die laïcité-Praxis der Französischen Revolution 1789, die Religionsklausel des Ersten Verfassungszusatzes der USA von 1791 und das französische Trennungsgesetz von 1905 sind die rechtlichen Meilensteine, die das Konzept ausformten.
Drei Triebkräfte trugen die Aufklärung: die wissenschaftliche Revolution (Galilei, Newton), der nach Reformation und Gegenreformation entstandene religiöse Pluralismus und der Aufstieg des Bürgertums mit dem Begriff der Öffentlichkeit. An ihrer Schnittstelle hörte die Religion in Europa erstmals auf, “natürlich” zu sein, und wurde zum diskutier- und kritisierbaren Feld.
Was ist der Unterschied zwischen Säkularismus und Laizismus?
Säkularisierung wird häufig mit Laizismus verwechselt. Laizismus besagt, dass die Angelegenheiten von Religion und Staat getrennt zu führen sind. Säkularismus trägt hingegen einen individuelleren Sinn und ist weniger an Politik gebunden. Er besagt: Unabhängig von der eigenen Glaubensüberzeugung soll das Leben mit weltlicher Rationalität geführt werden. In diesem Sinne bewahrt der Säkularismus den persönlichen Glauben im Gewissen des Einzelnen und ermutigt ihn zugleich, eigene Defizite zu erkennen, neue Menschen kennenzulernen, neue Erfahrungen zu machen und so zu einer toleranteren, fortschrittlicheren Welt beizutragen.
Aus diesem Blickwinkel — und angesichts der nur geringen Bevölkerungsgruppe in der Türkei, die sich vollständig der Religion verschreibt und vom sozialen Leben isoliert lebt — kann man sagen, dass nahezu die gesamte Bevölkerung ein säkulares Leben pflegt.
Der amerikanische Soziologe Howard Becker teilt Gesellschaften in zwei Typen: sacred (unveränderlich) und secular (veränderlich). Für ihn verändert eine sakrale Gesellschaft ihre vorgegebenen Schablonen und Urteile nicht. Eine Gesellschaft, die ihre bestehenden Formen ändern will, ist eine säkulare. Verweigert die Gesamtheit einer Gesellschaft (oder ein Teil davon) Veränderung, ist sie “sakral”; ist sie offen oder geneigt zu Veränderung, ist sie “säkular”.
Die folgende Vergleichstabelle stellt die drei Schlüsselbegriffe nebeneinander:
| Dimension | Säkularismus | Laizismus | Atheismus |
|---|---|---|---|
| Hauptfokus | Diesseitiges Leben des Einzelnen; öffentliches Räsonnement | Staatsstruktur; institutionelle Ordnung | Frage nach Existenz/Nichtexistenz Gottes |
| Historische Quelle | Aufklärung (Holyoake, 1851) | Frankreich, laïcité (1789–1905) | Von der Antike bis zur modernen Aufklärung |
| Rechtsrahmen | Verfassungsmäßige Gewähr; Pluralismus | Verfassungsartikel; institutionelle Trennung | Kein Rechtsbegriff; persönliche Überzeugung |
| Haltung zum Glauben | Individuelle Glaubensfreiheit geschützt | Staatliche Neutralität gefordert; individueller Glaube frei | Religiöser Glaube wird abgelehnt |
| Entsprechung in der Türkei | Verbreitete Lebenspraxis; kein Verfassungsbegriff | Verfassungsprinzip seit 1937 (Art. 2) | Individuell; gesellschaftlich begrenzt sichtbar |
| Typische Frage | “Wie stark soll religiöse Autorität öffentliche Entscheidungen bestimmen?” | “Wie regelt der Staat religiöse Angelegenheiten?” | “Gibt es einen Gott wirklich?” |
Kurz: Säkularismus ist ein Lebensstil und eine Frage des öffentlichen Räsonnements, Laizismus ein Prinzip der institutionellen Trennung, Atheismus eine metaphysische Position. Drei oft koexistierende, aber konzeptuell nicht austauschbare Größen.
Geschichte der Säkularisierung und des Laizismus in der Türkei
In der Spätphase des Osmanischen Reiches setzten Tanzimat (1839) und Islahat (1856) erste Schritte zur Loslösung des Staatsapparats von religiösen Grundlagen. Mit der Republik folgte ein scharfer rechtlich-institutioneller Bruch:
- 1924 — Abschaffung des Kalifats; Tevhid-i Tedrisat-Gesetz: Bildung unter einer Autorität.
- 1926 — Türkisches Zivilgesetzbuch nach Schweizer Vorbild; positives Recht ersetzt religiöses Recht in Familien-, Erb- und Personenrechtsfragen.
- 1928 — Streichung der Klausel “Die Religion des Staates ist der Islam”; Umstellung auf das lateinische Alphabet.
- 1937 — Aufnahme des Laizismus in Artikel 2 der Verfassung von 1924.
- Verfassung von 1982 — Laizismus zählt zu den unveränderlichen Prinzipien (Art. 4).
Diese rechtliche Architektur nähert die Türkei einem “französischen” strikten Laizismus-Modell an: Der Staat behält gewisse Aufsichtsrechte über die Religion (über das Präsidium für Religionsangelegenheiten, Diyanet), während er die nichtreligiöse Funktionsweise der öffentlichen Sphäre garantiert. Soziologisch jedoch passt die Türkei nicht in die klassische europäische Säkularisierungsthese: religiöse Praxis und säkulares Leben verflechten sich im Alltag desselben Menschen. In der Türkei 2026 sind hybride Praktiken — digitale Frömmigkeit, bedingtes Fasten, “Ramadan-Säkularismus” — gegenwärtige Ausprägungen dieser Verflechtung.
Das postsäkulare Zeitalter und die Agenda 2026
Viele Denker des 20. Jahrhunderts gingen davon aus, die Religion werde verblassen. Doch das 21. Jahrhundert ist geprägt von wachsender öffentlicher Sichtbarkeit der Religion, dem Aufstieg neuer Frömmigkeitsformen und der weltpolitischen Bedeutung religiöser Identitäten. Der Soziologe Peter L. Berger, jahrelang Verfechter der klassischen Säkularisierungsthese, zog sie 1999 in The Desecularization of the World zurück und konzedierte, dass Modernität und Religiosität gleichzeitig wachsen können.
Habermas’ Begriff der “postsäkularen Gesellschaft” ist das philosophische Pendant dieser Realität: Säkulare Institutionen und religiöse Bürger teilen einen gemeinsamen öffentlichen Raum der Deliberation, ohne einander als fremd zu betrachten. Der säkulare Einzelne lernt, die Argumente des religiösen Bürgers zu übersetzen; der religiöse Bürger lernt, sein Argument durch öffentlich zugängliches Räsonnement zu teilen.
Im Jahr 2026 haben Debatten über KI-Ethik, biomedizinische Grenzen (Genmanipulation, Klonen) und Klimagerechtigkeit weit über die klassische Laizismus-Debatte hinausgegriffen und die Frage neu gestellt: “Woher kommt die säkulare Moral?” Säkularität ist daher nicht mehr nur “die Linie zwischen Religion und Staat”, sondern die Frage, wie plurale Wertsysteme koexistieren und verhandeln.
Säkulare Lebenspraktiken und moderne Identität
Um zu verstehen, wie ein Einzelner Säkularisierung im Alltag erlebt, muss man konkrete Praktiken betrachten. Die Wahl säkularer Lehrpläne, die zivile Trauung als hinreichend zu akzeptieren, religiöse Bestattungselemente zu reduzieren, den gregorianischen Kalender zugrunde zu legen, Kinder gewissens- statt religionszentriert zu erziehen — all dies sind soziologisch säkulare Praktiken. Laut TÜİK-Erhebungen zu Lebenswerten 2026 definiert sich der überwiegende Teil der urbanen Mittelschicht als “gläubig, aber lässt religiöse Regeln im Alltag nicht entscheidend sein.” Das ist die konkrete Entsprechung der von Taylor beschriebenen “Welt vielfacher Optionen”.
Die wichtigste kognitive Verwandlung, die die Säkularisierung hervorbringt, ist die Figur eines Individuums, das persönliche Bedeutung in eigener Verantwortung baut. Wenn Tradition, religiöse Autorität oder Gemeinschaft kein vorgefertigtes Lebensgerüst mehr liefern, muss der Einzelne eigene Werte, ethische Bezugspunkte und Sinnhorizonte konstruieren. Das ist zugleich große Freiheit und die schwere Verantwortung, die die moderne Psychologie als “Sinnkrise” bezeichnet. Genau deshalb reichen heutige Säkularismus-Diskussionen über Recht und Politik hinaus bis in Psychologie, Bildung und Familienpolitik.
Häufig gestellte Fragen
1. Kann ein säkularer Mensch religiös sein?
Ja. Säkular zu sein heißt nicht, Atheist zu sein. Eine säkulare Person kann den eigenen Glauben im Gewissen leben und zugleich darauf bestehen, dass öffentliche Entscheidungen aus nicht-religiösen, vernunftbasierten Gründen getroffen werden. Auf dieses Profil trifft der Großteil der türkischen Bevölkerung zu.
2. Sind Säkularismus und Laizismus dasselbe?
Nein. Laizismus spricht mehr zur Struktur des Staates, Säkularismus mehr zum Lebensstil und öffentlichen Räsonnement des Einzelnen. Ein Staat kann laizistisch sein, ohne dass die Gesellschaft säkularisiert ist — und umgekehrt.
3. Steht das Wort “säkular” in der türkischen Verfassung?
Nein. Artikel 2 der türkischen Verfassung verankert das Prinzip des Laizismus. “Säkular” wird vor allem in der akademischen und alltäglichen Sprache verwendet.
4. Warum hat die klassische Säkularisierungsthese ihre Geltung verloren?
Weil das 21. Jahrhundert gezeigt hat, dass die Religion mit der Modernisierung nicht vollständig weicht. Soziologen wie Casanova, Berger und Taylor zeigten, dass religiöse Praxis in veränderten Formen fortbesteht und in manchen Regionen sogar stärker geworden ist.
5. Was genau ist eine “postsäkulare Gesellschaft”?
Habermas’ Begriff bezeichnet ein Gesellschaftsmodell, in dem religiöse und säkulare Bürger im selben öffentlichen Raum verhandeln und sich wechselseitig in ihrer Legitimität anerkennen. Wechselseitige Übersetzung und gleichberechtigte Bürgerschaft stehen im Zentrum.
6. Ist der Säkularismus gegen religiöse Symbole?
Nicht notwendigerweise. Einige Lesarten (französische laïcité) plädieren für die Einschränkung religiöser Symbole im öffentlichen Raum; andere (angelsächsische Lesart) erlauben breite individuelle Äußerung. Nach 2010 hat sich die Türkei der angelsächsischen Lesart angenähert.
Quellen
- TÜBİTAK-Enzyklopädie, Eintrag “Säkularisierung” — https://ansiklopedi.tubitak.gov.tr/ansiklopedi/sekulerlesme
- Türk Dil Kurumu, Aktuelles türkisches Wörterbuch, Eintrag “Säkularismus” — https://sozluk.gov.tr
- Charles Taylor, A Secular Age, Harvard University Press, 2007.
- José Casanova, Public Religions in the Modern World, University of Chicago Press, 1994.
- Jürgen Habermas, “Anmerkungen zur postsäkularen Gesellschaft”, New Perspectives Quarterly, 25(4), 2008.
- Peter L. Berger (Hg.), The Desecularization of the World, Eerdmans, 1999.
- Ali Bayer, Säkularisierung und Religion, İksad Verlag, 2022 — https://iksadyayinevi.com/wp-content/uploads/2022/12/SEKULERLESME-VE-DIN.pdf
- Felsefe.gen.tr, “Säkularismus” — https://www.felsefe.gen.tr/sekularizm/
- Sosyologer, “Was ist Säkularismus? Das Konzept in der Soziologie” — https://www.sosyologer.com/sekulerizm-nedir-sosyolojide-sekulerizm-kavrami/











